Wenn man einem Bericht der Londoner Tageszeitung „The Times“ Glauben schenken kann, gibt es im Vatikan Bestrebungen die „Wunderklausel“ bei Selig- und Heiligsprechungen abzuschaffen.
(kreuz.net, Vatikan) Nicht selten scheitern Selig- oder Heiligsprechungen an der Tatsache, daß ein Heilungswunder
fehlt, das auf die Fürsprache eines Kandidaten für die Ehren der Altäre gewirkt wurde. Das – so hört
man – ist zum Beispiel der Grund, warum der berühmte englische Konvertit und Theologe, Henry Kardinal
Newman, bis heute nicht seliggesprochen ist.
Aber das könnte sich ändern. Der Präfekt der Glaubenskongregation,
Joseph Kardinal Ratzinger, arbeitet laut der Londoner Tageszeitung „The Times“ zur Zeit an einer Vorlage,
welche die Notwendigkeit eines Wunders bei einer Selig- oder Heiligsprechung abschaffen will.
Man betrachte
dieses Erfordernis in der Glaubenskongregation als „veraltet“.
Die bisherige Regelung sieht vor, daß
ein Kandidat für die Selig- oder Heiligsprechung nach seinem Tod Heilungswunder wirkt, die medizinisch
nicht erklärt werden können.
Die Abschaffung der Wunderklausel könnte die Heiligsprechung einiger
Favoriten des gegenwärtigen Papstes beschleunigen, unter ihnen Mutter Theresa von Calcutta, die erst
kürzlich selig gesprochen wurde. Ebenso könnte man die Seligsprechung des französischen Politikers
deutscher Muttersprache, Robert Schuman, wieder aufnehmen. Schuman gehört zu den Gründern der Europäischen
Gemeinschaft. Bisher war seine Seligsprechung am Fehlen eines Wunders gescheitert.
Bereits 1983 hat der
Papst das Seligsprechungsverfahren modernisiert, als er festlegte, daß man Märtyrer, die für den Glauben
gestorben sind, auch ohne ein nachgewiesenes Heilungswunder selig sprechen kann.
Es sei Tarcisio Kardinal
Bertone, der Erzbischof von Genua und der ehemalige zweite Mann in der Glaubenskongregation, gewesen,
der am letzten Sonntag erklärt haben soll, daß Kardinal Ratzinger dem Papst eine Vorlage zur Abschaffung
der Wunderklausel vorgelegt habe.
Kardinal Bertone erklärte, daß es im Vatikan ein wachsendes Gefühl
gebe, daß die Notwendigkeit von Wundern für eine Selig- oder Heiligsprechung „anachronistisch“, das
heißt, „veraltet“ oder „nicht mehr zeitgemäß“ sei. Der Kardinal sagte nicht, wer im Vatikan so empfinde.
Nach der gegenwärtigen Regelung muß bei der Seligsprechung – dem letzten Schritt vor der Heiligsprechung –
gezeigt werden, daß auf die Fürsprache des Kandidaten wenigstens ein unheilbarer Kranker geheilt wurde.
Für eine spätere Heiligsprechung sind mindestens zwei Wunder erforderlich.
Die Heilungswunder werden
von einer Gruppe von fünf medizinischen Experten der Kongregation für die Heiligsprechung geprüft.
Die Ärzte müssen zeigen können, daß die Heilung „augenblicklich, vollständig und andauernd“ war und
medizinisch nicht erklärt werden kann.
Nach der neuen Regelung spiele es, so Kardinal Bertone, keine
Rolle, ob der Heilige Wunder gewirkt habe. Es solle genügen, daß die Kandidaten zur Selig- und Heiligsprechung
„einen heroischen Tugendgrad“ vorweisen können und ein vorbildliches christliches Leben geführt haben.
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4 Lesermeinungen
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@bethilde Ich stimme Deiner Analyse zu. Es kann ja durchaus ehrenhafte katholische Politiker gegeben haben,
aber muß man die jetzt allesamt auf Biegen und Brechen selig- oder heiligsprechen, um sie kultisch zu
verehren? Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Jeder einzelne Selige ist eine Gnade an die Kirche.
Aber gerade viele Politiker sind doch oft umstrittene Persönlichkeiten, auf die nicht alle Völker gut
zu sprechen sind, gerade die deutschen Südtiroler sind über den italienischen Kandidaten verärgert.
Im übrigen gab es aus ähnlichen Gründen Vorbehalte gegen die Beatifizierung unseres Kaiser Karl, der
ja in schweren Zeiten zur Regierung berufen war. Der Himmel schickte uns auf Karls Fürsprache hin ein
unerklärbares Wunder, das man durch eine beispielhafte Lügenpropaganda als „Krampfaderheilung“ lächerlich
gemacht hat. Dabei war es doch ganz anders! Man sollte diese Wunderklausel darum nicht abschaffen. Wieso
immer alles verändern? Reichte nicht das desaströse Pontifikat Pauls VI. als Mahnung an die nachkommenden
Statthalter des Herrn?
skeptisch Die Kirche ist – unter anderem- die „Gemeinschaft der Heiligen“. Ich stelle mir konkret vor:
Steht eine Selig- bzw. Heiligsprechung an, so sorgt der Himmel (die triumphierende Kirche) auch dafür,
dass sie erfolgen kann und zwar durch wunderbare Gebetserhörungen durch den betreffnden Kandidaten. Das
Wunder ist m.E. die Bestätigung von oben, welcher wir durchaus bedürfen. Sollte diese Voraussetzung
wegfallen, wird auch der ohnehin schwach gewordene Glaube an das Übernatürliche noch mehr schwinden,
was den mystischen Leib Christi verwundet.
#1 Dolfus 11:17:19 | Donnerstag, 23. Dezember 2004
Der Papst entscheidet. Es handelt sich hier um Kirchenrecht, und da ist der Papst der oberste Gesetzgeber.
Persönlich würde ich unserem Hl. Vater aber davon abraten, allzu viel umzustoßen, was nur umgestoßen
werden kann. Bereits Vorgänger Paul VI. hat durch sein geheimes Motto „Jetzt muß alles anders werden“
größten Schiffbruch erlitten. Meiner persönlichen Meinung nach sollte man die Regelung so lassen, wie
sie ist.