Ein Ausschuß des italienischen Parlamentes will die Hintergründe des Papstattentates neu untersuchen. Auslöser sind Schilderungen des Papstes in seinem jüngsten Buch. Lag damals ein Dokument über den Kommunismus in den päpstlichen Schubladen?
(kreuz.net, Rom) Eine italienische Parlamentskommission will neue Untersuchungen zum Papst-Attentat vom
13. Mai 1981 anstellen. Insbesondere soll die Rolle des damaligen sowjetischen Geheimdienstes ergründet
werden. Das berichteten verschiedene italienische Medien.
Die ermittelnde Parlamentskommission beschäftigt
sich allgemein mit der Spionagetätigkeit der Sowjetunion in Italien. Auslöser für das neue Untersuchungsverfahren
sind einige Aussagen des Papstes in seinem jüngsten Buch „Gedächtnis und Identität: Gespräche zwischen
Jahrtausenden“.
Der Präsident der Parlamentskommission, der Abgeordnete Paolo Guzzanti, will ergründen,
ob der türkische Papstattentäter, Ali Agca, vom sowjetischen Geheimdienst bewaffnet wurde: „Der Papst
selber hat in seinem Buch auf einen ideologischen Hintergrund des Anschlags hingewiesen.“
„Wir haben
die Ermittlungen wieder aufgenommen“, gab Kommissionspräsident Guzzanti am Mittwoch vor Journalisten
bekannt. Der schon am 7. Mai 2002 eingesetzte Ausschuß wird sich intensiv mit dem sogenannten Dossier
des sowjetischen Überläufers Mitrokhin und mit den Ergebnissen einer früheren Untersuchungen durch
den italienischen Geheimdienst befassen.
Die Wiedereröffnung des Dossiers beginne mit der Beschaffung
der Prozeßunterlagen: „Wir werden noch einmal der sowjetischen Spur – den damaligen Tätigkeiten des
KGB und des GRU – nachgehen.“
Die Kommission vermutet als Hintergrund des Papstattentates einen internen
Krieg zwischen dem staatlichen sowjetischen Spionageabwehrdienst KGB und dem Geheimdienst der sowjetischen
Roten Armee, dem GRU.
Gewißheit bestehe alleine über das Motiv des Papstattentates. Es sei vom ersten
Augenblick an klar gewesen, daß es sich um einen politischen Anschlag handelte. Das Pontifikat von Papst
Johannes Paul II. sei, so Guzzanti, die entscheidende Ursache für den Zusammenbruch des Kommunismus gewesen.
Der Papstattentäter Ali Agca gab an, daß er vom bulgarischen kommunistischen Geheimdienst beauftragt
gewesen sei, den Papst zu töten. Die Bulgaren hätten mit direkter Weisung des sowjetischen KGB gehandelt.
Der KGB habe die Absicht gehabt, die „antikommunistische Propaganda“ des polnischen Pontifex im Keim zu
ersticken. Bei seiner Beschuldigung des KGB und des bulgarischen Geheimdienstes verwickelte sich Agca
allerdings in zahlreiche Widersprüche. Offensichtlich legte er auch gezielt falsche Fährten und suchte
Verbindungslinien zu verwischen und Hintermänner zu decken. Später bezeichnete er sich als Einzeltäter.
In den Aufzeichnungen seines jüngsten Buches erinnert sich der Heilige Vater an die Fahrt ins Krankenhaus.
„Ich war für einige Zeit bei Bewußtsein. Aber ich hatte ein Gefühl, daß ich überleben würde. Ich
litt und hatte Grund, mich zu fürchten, aber ich hatte dieses sonderbare Gefühl von Vertrauen.“
Der
Titel des Kapitels – „Jemand hat diese Kugel geleitet…“ – ist nach Ansicht vieler Journalisten ein Hinweis
darauf, warum dieser Bericht am Ende des Papstbuches steht: „Aus der Sicht des Papstes war das Attentat
kein Zufall, sondern ein ‘Zeichen der göttlichen Gnade’“.
Die italienische Tageszeitung „Avvenire“,
die der italienischen Bischofskonferenz gehört, veröffentlichte gestern ein weiteres interessantes Detail:
Ein brisantes Dokument des sowjetischen Geheimdienstes KGB sei im Archiv der tschechischen Sicherheitspolizei
gefunden worden. Das Dokument schreibe auf Russisch von einer ‘physischen Eliminierung“ (‘fiziceskoje
ustranenie’) des Papstes, sofern diese notwendig sei. Das Dokument sei kurz nach der Wahl Kardinal Wojtylas
zum Papst verfaßt worden. Es gehe auf eine persönliche Weisung des damaligen Vorsitzenden des Zentralkomitees
der Kommunistischen Partei der UdSSR, Leonid Breschniew, zurück. Breschniew war von 1964 bis 1982 Parteischef
und damit erster Mann in der Sowjetunion.
Breschniew habe seinen Plan nach dem Konklave vom Herbst 1978
ausgeheckt und ihn an die Geheimdienste der sozialistischen Bruderstaaten, unter ihnen die Tschechoslowakei,
gesandt.
Das Dokument beschreibt zwei mögliche Geheimdienstoperationen gegen den Papst. Die eine trug
den Decknamen „Pogoda“ – Wetter. Der Deckname der anderen sei „Infektsija“ – Infektion – gewesen. In beiden
Fällen werden Möglichkeiten in Erwägung gezogen, um die Kirche öffentlich zu verleumden. Außerdem
werden Wege aufgezeigt, um Falschinformationen zu verbreiten und die Kirche zu unterminieren. Sollten
diese Maßnahmen nicht ausreichen, um den Einfluß des Papstes zu verringern, schlägt das Dokument die
„physische Eliminierung“ des Pontifex vor.
Die Existenz des Dokumentes wurde laut „Avvenire“ von diversen
Quellen und Personen bestätigt. Unter ihnen befindet sich ein ehemaliger Chef der Kryptographie-Abteilung
des KGB, der 1980 in die Vereinigten Staaten floh. Er gab bekannt, das streng geheime Dokument gelesen
und den Auftrag erhalten zu haben, es den anderen sozialistischen Geheimdiensten zu übermitteln.
Kurz
vor dem Zusammenbruch des Kommunismus habe der Innenminister und Vizepräsident von Bulgarien die Zerstörung
von 144.000 Geheimdossiers angeordnet. Dafür wurde er erst im April 2002 zu einem halben Jahr Gefängnis
verurteilt.
Unter den vernichteten Dokumenten habe sich das besagte Originaldokument befunden.
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